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05.09.2013

Beim Perlendrehen die Welt vergessen

Es riecht ein bisschen nach Propangas, das zusammen mit Sauerstoff einen veilchenblauen Strahl vor dem Brenner bildet. In der blauen Flamme des Benners wärmt Andrea Streit mit der rechten Hand die Spitze einer violetten Glasstange. In der anderen Hand hält sie den Dorn, ein beschichtetes Metallstäbchen, auf das aus dem Glas eine Perle gedreht werden soll.


Sobald das Glas glüht, wickelt Andrea die zähe Masse auf den Dorn. Dazu dreht sie das Stäbchen zwischen Daumen und Zeigefinger langsam hin und her. Die Flamme zischt leise vor sich hin, während die Perle ihre Form annimmt. Je gleichmäßiger Andrea den Dorn dreht, umso runder wird die Perle. Jetzt ist sie so heiß, dass sie später gut drei Stunden braucht, um abzukühlen und ihre endgültige Farbe zu zeigen.

Erst vor gut einem halben Jahr hat Andrea Streit das Perlendrehen in der Manfred-Sauer-Stiftung für sich entdeckt. Im Rahmen einer Aktiv-Woche drehte die Ergotherapeutin ihre ersten Glasperlen. Wieder zuhause in Husum, suchte sie sich ein Kursangebot in ihrer Region und vertiefte ihre neue Leidenschaft. Mittlerweile hat sie sich ihren eigenen Gasbrenner & Co zugelegt und kann ihrem Hobby frönen, wann immer sie will.

Andrea, warum hat das Perlendrehen Dich gepackt?

Meine erste Perle ist gleich gelungen. Die ersten waren noch ganz normal kugelige, einfarbige Perlen, aber die Ideen kommen beim Machen. Man sieht, dass da etwas entsteht – und wenn es nicht das ist, was es werden sollte, wird eben etwas anderes Faszinierendes daraus. Für mich ist es spannend und beruhigend zugleich.

Woraus ergibt sich dieser Gegensatz?

Man muss sich wirklich sehr konzentrieren, denn beim Drehen an der Flamme verändert sich das Glas schnell. Ich kann dabei alles um mich rum vergessen, komme zur Ruhe und kann einfach abschalten. Gleichzeitig ist es immer wieder spannend zu sehen, was aus dem Objekt wird oder nach dem Abkühlen geworden ist.

Wer seine eigene Kreativität wachsen lässt, macht ja auch eine Selbsterfahrung durch. Kannst Du bei Dir persönlich eine Entwicklung feststellen?

Unbedingt. Am Anfang hatte ich noch kaum Ideen, aber die entstehen im Prozess. Man kann sich darüber auch ausdrücken, nicht nur über die Farbwahl: Wenn ich heute eine Perle als Nana gestalte mit Augen und Brüsten hat jede ihren eigenen Ausdruck. Anfangs waren es fast nur die runden Perlen, später kamen immer mehr Farben und Techniken hinzu. Inzwischen mache ich auch Fische, Sterne, Sonnen oder andere Motive aus dem Glas. Je nach Stimmung können sich dabei verschiedene Farbphasen ergeben, bei mir jedenfalls war es so. Die Palette an Möglichkeiten wird immer breiter.

Deine technischen Fähigkeiten sicher auch.

Technisch fiel es mir am Anfang schwer, die unterschiedlichen Stellen der Flamme einzuschätzen und zu nutzen. Je dichter das Glas an der Gasflamme ist, umso schneller fängt es an zu glühen. Man muss also wieder rausgehen aus der Flamme, aber den Dorn gleichmäßig weiterdrehen, um die Perle mit der anderen Hand und anderem Glas weiter zu bearbeiten. Diese Auge-Hand-Koordination und die Hand-Hand-Koordination musste ich anfangs erst üben.

Brauchtest Du aufgrund Deiner Behinderung besondere Hilfen?

Wichtig ist, dass man in geeigneter Höhe vor dem Brenner sitzt und die ggf. über Sitzkissen im Rollstuhl anpasst, damit sich im Rücken nichts verspannt. Da bei mir die Arme und Hände nicht von einer Lähmung betroffen sind, brauchte ich keine Manschetten oder andere Hilfen.

Ist das Perlendrehen auch emotional?

Auf jeden Fall! Es sind einige Gefühle beteiligt: das Glück bei Gelingen, aber natürlich auch Frust und Enttäuschung, wenn eine Perle kaputt geht. Da hab ich dann eine gute halbe Stunde an so einem Fisch gesessen und wenn der platzt, ist das halt nicht so toll. Aber Wut hatte ich noch nicht. Manchmal ist es auch anstrengend, man muss ja die Schutzbrille tragen, schwitzt und es ist laut. Trotzdem habe ich mir jetzt einen Perlen-Arbeitsplatz für zuhause eingerichtet.

Was hast Du beim Perlendrehen über Dich selbst gelernt?

Ich mochte nie Seidenmalen – wenn man da mal danebengreift, ist sofort alles verhunzt. Das Gestalten von Glasperlen bietet dagegen immer noch Raum, in eine andere Richtung zu denken. Wenn etwas nicht klappt, wird es eben etwas anderes, das finde ich faszinierend. Obwohl ich nicht genau definieren kann, warum, würde ich sagen, das Perlenmachen hat mich gestärkt. Ich kann es jetzt immer machen, wann ich möchte, auch nachts, und es ist einfach beruhigend. Ich kann dabei wunderbar runterfahren.